Umwelt- und Artenschutz

Wiederansiedlung des 
Eurasischen Luchses

am Beispiel des Luchsprojektes Harz

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Aktiver Artenschutz

   1999 wurde von der Niedersächsischen Landesregierung angekündigt, dass im Harz der Eurasische Luchs wieder angesiedelt werden soll. Diese Entscheidung, war zu diesem Zeitpunkt einzigartig. Keine andere Regierung hatte diesen Schritt zuvor gewagt. Der Landesjägerschaft Niedersachsen e.V. war von Beginn an, bleichberechtigter Partner in dem Projekt und der Verein übernahm somit ebenfalls Verantwortung für das dem Jagdrecht unterliegende, aber ganzjährig geschonte und streng geschützten Wildtier.

   24 Luchse wurden in den Jahren 2000 - 2006 im Nationalpark Harz ausgewildert. Nach heutigem Stand (Oktober 2024) wurde durch dieses mutige und wegweisende Projekt eine vitale Population begründet, welche sich noch immer positiv entwickelt.

   Der Luchs ist über die Jahre im Nationalpark Harz zu einer Symbolart, sogar zu einem Werbeträger des Mittelgebirges geworden.

   Die Zusammenarbeit zwischen der Jägerschaft, der Forstwirtschaft, Akteuren aus dem Naturschutz, dem Tourismus, der Politik und der Wirtschaft sind für das Gelingen und den erfolgreichen Verlauf dieses Projektes verantwortlich. 

Warum?

Die Wiederansiedlung des Eurasischen Luchses in Deutschland stellt nicht nur einen wertvollen Beitrag zur Wiederherstellung der biologischen Vielfalt in deutschen Wäldern dar, sondern trägt dazu bei den akut vom Aussterben bedrohten Luchs zu schützen und die Lücken zwischen den noch vorhandenen Populationen, die massive Inzuchtprobleme aufweisen, durch die Erweiterung von Vorkommensgebieten zu schließen. Die Entwicklung einer vitalen und wachsenden Luchspopulation im Nationalpark Harz ist ein großer Erfolg für den Natur- und Artenschutz und ist eine Demonstration für die erfolgreiche Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen verschiedenen Interessengruppen, wie der Jägerschaft, der Forstwirtschaft, Akteuren aus dem Naturschutz, dem Tourismus, der Politik und der Wirtschaft.

Wo?

Der Harz, als nördlichstes Mittelgebirge, hat eine Fläche von circa 2.200 Quadratkilometer und liegt im Zentrum Deutschlands, in den Bundesländern Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Thüringen. Rund 10% der Fläche (ca. 247 Quadratkilometer) wurde unter Schutz gestellt, indem es zum Naturschutzgebiet erklärt wurde. Der Nationalpark Harz entstand aus dem Zusammenschluss der Nationalparks Hochharz (Sachsen-Anhalt) und Harz (Niedersachsen). Nahezu 80% des Harzes sind von Wald bedeckt, was das Mittelgebirge zum idealen Lebensraum für den Luchs macht. Der Nationalpark Harz ist Teil des europäischen Schutzgebietssystems Natura 2000.

Wie?

24 Luchse (9 Männchen und 15 Weibchen) aus europäischen Gehegezuchten wurden in den Jahren 2000-2006 im sogenannten "soft release" Verfahren im Nationalpark Harz ausgewildert. Durch diese Art der Auswilderung hatten die Tiere die Möglichkeit sich an ihre neue Umgebung zu gewöhnen und entschieden, nach Öffnung des vier Hektar großen Außenauswilderungsgeheges selbst, wann sie den Schutz aufgeben und den Weg in die Freiheit gehen wollten. Die Auswilderungen fanden alle in schneefreien Zeiträumen statt. Ein entscheidender Fakt für die Auswilderbarkeit der Individuen war eine deutlich erkennbare Fluchtdistanz gegenüber sich annähernden Menschen, hierfür ist es dringend notwendig die Kontakte Mensch - Luchs auf ein Minimum zu reduzieren.

Monitoring

Das Monitoring bei Projektstart bestand aus der Auswertung von Fotofallen, Sichtungen, winterlichem Abspuren (Trittsiegel), genetischen Nachweisen (Haare, Kot, Urin, Risse, Kadaver etc.) Ab 2003 wurden den Tieren Ohrmarken angelegt. Aufgrund der Farbe und der Position der Marken konnten bei Sichtungen Rückschlüsse auf die Individuen gezogen werden. Ab 2008-2023 wurden 36 Tiere eingefangen und in eine Kurzzeitnarkose gelegt. Während der Narkose wurde ihnen ein Halsbandsender (GPS/GSM/VHF) angelegt. Die Freilassung erfolgte direkt nach erlangen des vollen Bewusstseins und der sicheren Steh- und Gehfähigkeit. Die Halsbänder sind nie schwerer als 2% des Körpergewichts und besitzen eine "Drop off" Funktion, mit Hilfe derer sich die Halsbänder nach einer vorgegebenen Zeit automatisch vom Hals der Tiere lösen.

Ergebnisse

Aufgrund der Auswertungen aller Daten, welche aus den bereits beschriebenen angewandten Monitoring- Techniken erhoben werden konnten, ist es möglich wertvolle Informationen über Raum- und Habitatnutzung, Nahrungserwerb, Ausbreitungsverhalten, Reproduktionsfähigkeit und der Vitalität der angesiedelten Individuen und somit für die Populationsentwicklung zu erlangen. So konnte 2002 zum ersten Mal eine erfolgreiche Reproduktion dokumentiert werden. 2008 kam es zur letzten Sichtung eines ohrmarkierten Luchses. Aufgrund des Wiederansiedlungsprojektes ist es gelungen eine vitale Population von Luchsen im Harz zu etablieren und möglich weiterhin wichtige wissenschaftliche Daten zu erheben, welche dem Umwelt- und Artenschutz dienen.

Nationale & internationale Herausforderungen

Illegale Tötungen von Luchsen stellen in einigen nationalen und internationalen Populationen noch immer eine Bedrohung für die Luchsbestände dar. Für die Harzpopulation jedoch nicht, aufgrund der Seltenheit. Der Luchs zählt in Deutschland nach dem Bundesnaturschutzgesetz zu den streng geschützten Tierarten. Das Nachstellen, Stören, Verletzen oder Töten der Tiere ist verboten!
Der Verlust von Lebensräumen und die zusätzlich fortschreitende Zerschneidung von potentiellen Lebensräumen, stellt ein großes Problem für die Wanderungen und Ausbreitung von Luchsindividuen dar. Die aktuell recht kleinen und isolierten Luchspopulationen, welche auf wenigen Gründertieren basieren, laufen einer zunehmenden genetischen Verarmung und Inzucht entgegen. Weitere Projekte wie in Thüringen, im Schwarzwald und im Erzgebirge sollen in diesem Punkt in Zukunft Abhilfe schaffen.

Der Luchs im Harz

Video Teil 01

Artportrait Eurasischer Luchs

In diesem Video finden Sie interessante Fakten über die Eurasischen Luchse. Lebensraum, besondere Kennzeichen, Jagdverhalten und einiges mehr wird Ihnen hier bildlich dargestellt.

Video Teil 02

Besenderung & Wiederauswilderung Luchs

Im Juli 2023 wurde ein erfolgreich rehabilitierter Luchs aus der Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen in Niedersachsen für den Transport und die anschließende Wiederauswilderung im Harz vorbereitet. Wie dies vonstatten geht, wird Ihnen in diesem Film vermittelt. 

Konflikte & Lösungen

Nutztierverluste

Seit der Wiederansiedlung des Luchses kam es im Harz und dessen Umgebung zu nachgewiesenen Nutztierrissen.
Der Verlust von Nutztieren wird in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt ersetzt. Die Höhe der sogenannten Billigkeitsleistungen orientiert sich am Marktwert des verlorenen Tieres. Zusätzlich wird die Meldung eines Risses von Nieder- und Hochwild durch den Luchs durch private Jagdausübungsberechtigte ebenfalls finanziell honoriert. Die Begutachtung der Verdachtsfälle Im Harz und Umgebung wurde zu Beginn des Projekts von der Nationalparkverwaltung Harz länderübergreifend durchgeführt. Mittlerweile gibt es bundeslandabhängig unterschiedliche Vorgehensweisen im Umgang mit Nutztierrissen.
Zwischen 2000-2020 kam es hauptsächlich zu Verlusten bei gehaltenen Schafen, Ziegen und Gehegewild, welche durch Kompensationszahlungen ersetzt wurden.

Konflikte Jäger - Luchse

Im Harz erbeuten Luchse vor allem Reh-, Rot- und Muffelwild. 
Gesammelte Kotproben (2008-2016) haben gezeigt, dass das Beutespektrum der Harzer Luchse mehr als neun Arten umfasst, von der Maus bis zum Rotwild. 
Huftiere, hier vor allem das Reh- und Rotwild, nahmen den größten Anteil an der Häufigkeit und der konsumierten Biomasse ein. Rehwild wird laut den Jagdstrecken Niedersachsens am häufigsten erlegt. Welche Konfliktpotentiale ergeben sich somit zwischen Jägern und dem Luchs? 
Kommt es zur Minderung des Jagdwertes oder deutlichem Verlust von Reh- und Muffelwild? Wird die Abschussplanerfüllung erschwert? Wird das Rehwild durch den Luchs "heimlicher" (zieht sich mehr zurück, erhöhte Scheu)? Kommt es zu einer überhöhten Dichte der Luchspopulation und sind reduzierte Wilderlebnisse die Folge? Um diese Fragen umfassend und abschließend beantworten zu können, bedarf es weiterer wissenschaftlicher Untersuchungen und Erhebungen.

Öffentlichkeitsarbeit

Die Öffentlichkeitsarbeit ist eine der wichtigsten Aufgaben im Rahmen von Wiederansiedlungsprojekten. 

Das Luchsprojekt Harz setzt dies auf verschiedene Arten um: Es werden zahlreiche Vorträge und Ausstellungen durchgeführt, Bücher und Faltblätter werden gestaltet und regelmäßig nehmen Projektmitarbeiter/ innen an Tagungen teil. Es wurde sogar ein Luchsschaugehege errichtet, inklusive einer Web-Cam. Im HarzWaldHaus in Bad Harzburg kann man ebenfalls einiges über den Luchs erfahren.
Die Dokumentation und Auswertung der weiteren Entwicklung der Population, die Erfassung von z.B. der Ausbreitungsweise der Luchse in und über den Harz hinaus, werden vom Team, unter Leitung von Ole Anders, weiterhin wahrgenommen.
 
Lösungsorientierte Dialoge können nur mithilfe von fundierter Datengrundlage geführt werden. 

Besonderer Dank gilt der 
Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen, unter Leitung von Dr. Florian Brandes und Herrn Ole Anders für die Genehmigung Fotos und Videos während der Auswilderungsvorbereitung aufnehmen zu dürfen!
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Interaktives Tutorial "Wildtier gefunden, was tun?" für Öffentlichkeit und Einsatzkräfte - Copyright Klinik für Vögel, Kleinsäuger, Reptilien und Zierfische - LMU München und Wildtierhilfe Bayern e.V.